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Sozialversicherungsgericht des Kantons Basel-Stadt
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URTEIL
vom 14. Oktober 2019
Mitwirkende
lic. iur. K. Zehnder (Vorsitz), lic. iur. M. Prack Hoenen, MLaw T. Conti
und Gerichtsschreiberin MLaw L. Marti
Parteien
A____
vertreten durch B____
Beschwerdeführer
C____
Gegenstand
AH.2019.1
Einspracheentscheid vom 30. November 2018
Haftung nach Art. 52 AHVG
Tatsachen
I.
a) Der Beschwerdeführer war seit März 2006 Direktor der D____ AG, [...], und seit März 2014 einziges Mitglied des Verwaltungsrates der Firma (Handelsregisterauszug vom 13. November 2018, Beschwerdeantwortbeilage [AB] 1.0). Die D____ AG betrieb einen Nachtclub in [...].
b) Ab dem 26. März 2015 kam der Beschwerdeführer in Untersuchungshaft (Bestätigung der Staatsanwaltschaft vom 27. Februar 2017, AB 6.0).
c) In den Jahren 2014 und 2015 kam es wiederholt zu Mahnungen und schliesslich zu Betreibungen seitens der Beschwerdegegnerin, da die D____ AG die Sozialversicherungsbeiträge nicht rechtzeitig bzw. gar nicht bezahlt hatte (AB 3.1. bis AB 3.18). In einem Schreiben vom 24. Mai 2016 teilte das Betreibungsamt Basel-Stadt der Beschwerdegegnerin mit, dass am […]. Mai 2016 über die D____ AG der Konkurs eröffnet wurde (AB 3.17, vgl. auch SHAB vom [...] 2016, [...], AB 4.0). Die Beschwerdegegnerin gab im Konkursverfahren eine Forderung über Fr. 31‘706.25 für paritätische Beiträge, Mahnungen und Betreibungskosten ein (AB 4.1).
d) Am 14. Februar 2017 wurde der Beschwerdeführer aus der Haft entlassen (Bestätigung der Staatsanwaltschaft vom 27. Februar 2017, AB 6.0).
e) Am 16. Februar 2018 erliess die Beschwerdegegnerin gegenüber dem Beschwerdeführer zwei Schadenersatzverfügungen: für das Jahr 2014 eine über Fr. 8‘032.95 und für das Jahr 2015 eine über Fr. 22‘476.35 (AB 5.0 und 5.1). Mit Schreiben vom 26. März 2018 liess der Beschwerdeführer dagegen Einsprache erheben (AB 6.0). Mit Verfügung vom 28. März 2018 sistierte die Beschwerdegegnerin das Einspracheverfahren bis zur Auflage des Kollokationsplanes im Konkurs über die D____ AG (AB 6.1). Nachdem der Schaden der Beschwerdegegnerin feststand, hob sie die Sistierung in einer weiteren Verfügung vom 15. November 2018 auf (AB 6.3). Mit Einspracheentscheid vom 30. November 2018 hielt sie an ihren Verfügung vom 16. Februar 2018 fest (AB 1).
II.
a) Mit Beschwerde vom 21. Januar 2019 beim Sozialversicherungsgericht Basel-Stadt wird beantragt, der Einspracheentscheid vom 30. November 2018 sowie die Schadenersatzverfügungen vom 16. Februar 2018 i.S. Konkurs D____ AG, Basel, betreffend Schadenersatz von Fr. 8‘032.95 (Beitragsjahr 2014) und Fr. 22‘476.35 (Beitragsjahr 2015) seien vollumfänglich aufzuheben. Alles unter gerichtlicher und aussergerichtlicher Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Im Weiteren beantragte der Beschwerdeführer in verfahrensrechtlicher Hinsicht, die Teile der Strafuntersuchungsakten vom Appellationsgericht Basel-Stadt beizuziehen und E____ als Zeuge zu befragen.
b) Mit Beschwerdeantwort vom 5. Februar 2019 schliesst die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Beschwerdeführers.
c) Per Verfügung vom 7. Februar 2019 verpflichtete die Instruktionsrichterin die Beschwerdegegnerin zur Einreichung sämtlicher Akten der Jahre 2014 bis 2016, insbesondere aller Rechnungen, Mahnungen, Betreibungsbegehren und die Berechnung der Akontobeiträge 2015. Dieser Aufforderung kam die Beschwerdegegnerin mit Eingabe vom 13. Februar 2019 nach.
d) In der Replik vom 17. April 2019 hält der Beschwerdeführer an seinen in der Beschwerde gestellten Rechtsbegehren fest und beantragt die Durchführung einer Parteiverhandlung.
e) In einer Verfügung vom 18. April 2019 schloss die Instruktionsrichterin den Schriftenwechsel und informierte die Parteien, dass sie zur Verhandlung geladen werden und die Kammer über die Notwendigkeit weiterer Beweiserhebungen entscheidet.
III.
Am 14. Oktober 2019 findet die Hauptverhandlung der Kammer des Sozialversicherungsgerichts in Anwesenheit des Beschwerdeführers seines Rechtsvertreters und eines Vertreters der Beschwerdegegnerin statt.
Entscheidungsgründe
1.
1.1. Das Sozialversicherungsgericht Basel-Stadt ist gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Verbindung mit § 82 Abs. 1 des basel-städtischen Gerichtsorganisationsgesetzes vom 3. Juni 2015 (GOG; SG 154.100) und § 1 Abs. 1 des kantonalen Sozialversicherungsgerichtsgesetzes vom 9. Mai 2001 (SVGG; SG 154.200) in sachlicher Hinsicht als einzige kantonale Instanz zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Die örtliche Zuständigkeit ergibt sich aus Art. 58 Abs. 1 ATSG (der Ausnahmetatbestand nach Art. 84 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1946 über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG; SR 831.10] kommt vorliegend nicht zur Anwendung).
1.2. Die Beschwerde wurde rechtzeitig erhoben (Art. 60 ATSG) und auch die übrigen formellen Beschwerdevoraussetzungen sind erfüllt. Infolgedessen ist auf die Beschwerde einzutreten.
3.3.2 Sodann setzt eine Haftung nach Art. 52 AHVG ein rechtswidriges Verhalten voraus. Der Haftpflichtige muss Vorschriften missachtet haben, was zum Beitragsausstand bei der Ausgleichskasse bzw. zu deren Schaden führte. Das rechtswidrige Verhalten kann sowohl in einer Handlung als auch in einer Unterlassung bestehen. Als Verletzung einer Vorschrift fällt in erster Linie das Versäumnis der vorgeschriebenen Beitrags- und Abrechnungspflichten nach Art. 14 Abs. 1 i.V.m. Art. 34 AHVV (vgl. E. 3.1.) in Betracht (Felix Frey, Art. 52 N 10 u.a. mit Hinweis auf BGE 98 V 26, 29 E. 5., vgl. auch BGE 123 V 12, 15 E. 5b = Praxis 1997 Nr. 154).
3.3.3 Damit eine Schadenersatzpflicht im Sinne von Art. 52 AHVG entsteht, muss den Schadenersatzpflichtigen ein Verschulden treffen. Die Missachtung von Vorschriften muss daher absichtlich oder grobfahrlässig erfolgt sein. Mit Absicht handelt, wer sich den Vorschriften mit Wissen und Willen widersetzt. Grobe Fahrlässigkeit ist gegeben, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen (vgl. Felix Frey, Art. 52 N 11, Ueli Kieser, Art. 52, N 35, sowie BGE 112 V 156, 159 f. E. 4. = Praxis 1987 Nr. 132, BGE 108 V 199, 202 E. 3a und BGE 98 V 26, 30 E. 6.). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung darf die Ausgleichskasse, welche feststellt, dass sie einen durch Missachtung von Vorschriften entstandenen Schaden erlitten hat, davon ausgehen, dass der Arbeitgeber die Vorschriften absichtlich oder mindestens grobfahrlässig verletzt hat, sofern keine Anhaltspunkte für die Rechtmässigkeit des Handelns oder die Schuldlosigkeit des Arbeitgebers bestehen (BGE 108 V 183, 187 E. 1b und BGE 108 V 199, 201 E. 1.).
Das Mass der zu verlangenden Sorgfalt ist entsprechend der Sorgfaltspflicht, welche in den kaufmännischen Belangen jener Arbeitskategorie, welcher der oder die Betreffende angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss. Dabei sind an die Sorgfaltspflicht einer Aktiengesellschaft grundsätzlich strenge Anforderungen zu stellen (Ueli Kieser, Art. 52, N 36, BGE 108 V 199, 203 E. 3a, vgl. auch BGE 98 V 26 30 E. 6.).
3.3.4 Schliesslich setzt eine Haftung gemäss Art. 52 AHVG einen Kausalzusammenhang zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Verletzung von Vorschriften und dem Eintritt des Schadens voraus. Nebst einem natürlichen, ist insbesondere auch ein adäquater Kausalzusammenhang notwendig; das heisst, der Schadenseintritt muss nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung auf die Pflichtverletzung zurückzuführen sein (vgl. Ueli Kieser, Art. 52, N 29, Felix Frey, Art. 52 N 20, sowie BGE 119 V 401, 406 E. 4a = Praxis 1995 Nr. 90).
Strittig bleibt einzig die Frage, ob dem Beschwerdeführer hinsichtlich des der Beschwerdegegnerin entstandenen Schadens ein Verschulden im Sinne eines absichtlichen oder grobfahrlässigen Verhaltens (vgl. E. 3.3.3) anzulasten ist.
Art. 35 Abs. 2 AHVV verpflichtet Arbeitgebende dazu, der Ausgleichskasse wesentliche Änderungen der Lohnsumme während des laufenden Jahres zu melden. Als wesentliche Änderung gilt eine Abweichung der jährlichen Lohnsumme um mindestens 10 % von der ursprünglich voraussichtlichen Lohnsumme. Abweichungen unter Fr. 20‘000.– müssen dabei nicht gemeldet werden (Wegleitung über den Bezug der Beiträge in der AHV, IV und EO [WBB], Stand 1. Januar 2019, Rz 2048, Urteil des Bundesgerichts 9C_247/2016 vom 10. August 2016 E. 5.1.1). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung verhält sich ein Arbeitgeber widerrechtlich und schuldhaft im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG, wenn er in Verletzung der Meldepflicht nach Art. 35 Abs. 2 AHVV zu tiefe Akontobeiträge leistet ohne sicherzustellen, dass unter Berücksichtigung der zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung genügend Mittel für die Begleichung der entsprechend höheren Schlussabrechnung innert nützlicher Frist zur Verfügung stehen (Urteil des Bundesgerichts 9C_247/2016 vom 10. August 2016 E. 5.1.1 mit Hinweisen).
Der Beschwerdeführer hat die deutlich höhere Lohnsumme im Jahr 2014 nicht frühzeitig gemeldet, sodass es im Jahr 2015 zu einer Nachforderung von Sozialversicherungsbeiträgen kam (Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 26. März 2012, AB 2.2). Damit ist er seiner Meldepflicht (Art. 35 Abs. 2 AHVV, vgl. auch Art. 31 Abs. 1 ATSG) nicht nachgekommen, obwohl ihn die Beschwerdegegnerin in ihrem Schreiben vom 10. Januar 2014 betreffend die Höhe und Fälligkeit der Akontobeiträge im Jahr 2014 darauf aufmerksam machte, dass er eine Veränderung der Lohnsumme von 10 % und mehr melden müsse (AB 2.0). Zu begründen vermochte er diesen Umstand anlässlich der Hauptverhandlung vom 14. Oktober 2019 nicht (vgl. Verhandlungsprotokoll, S. 3). Dabei ist festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer im Jahr 2014 noch nicht in Haft befand, diese begann erst am 25. März 2015 (vgl. Bestätigung vom 27. Februar 2017, AB 6.0). Dass die Jahresabrechnung erst nach seiner Verhaftung bei der D____ AG eintraf (Schreiben vom 26. März 2015, AB 2.2) ändert daher nichts daran, dass der Beschwerdeführer dafür hätte besorgt sein müssen, dass diese Rechnung bezahlt werden kann.
Der Beschwerdeführer bringt diesbezüglich insbesondere vor, seine Frau habe in der Zeit seiner Haft versucht, das Geschäft weiterzuführen. Sie habe auch die Rechnungen bezahlt (Verhandlungsprotokoll, S. 3). Bei ihren Besuchen im Gefängnis hätten sie aber „nicht gross“ über Geschäftliches reden dürfen (Verhandlungsprotokoll, S. 4). Sein späterer Versuch, den Nachtclub zu verkaufen und mit dem Erlös insbesondere die Sozialversicherungsbeiträge zu bezahlen sei ihm von der Staatsanwaltschaft verunmöglicht worden (Beschwerde, S. 7; vgl. auch E. 4.4.).
Was die erfolglosen Pläne bezüglich eines Verkaufs des Nachtclubs betrifft, so kann anhand der vorliegenden Akten und der Aussagen in der Hauptverhandlung vom 14. Oktober 2019 nicht mit Sicherheit festgestellt werden, weshalb der Verkauf misslang. Es ist verständlich, dass der Beschwerdeführer zunächst noch die Hoffnung hatte, schneller wieder aus der Haft entlassen zu werden und deshalb nicht umgehend sein Amt als Verwaltungsrat niederlegen (oder den Nachtclub) verkaufen wollte. Dennoch hätte er sein Amt als Verwaltungsrat niederlegen können. Dies hätte womöglich zum schnelleren Konkurs der D____ AG geführt (wobei das Gericht im Prinzip auch einen Sachwalter oder das fehlende Organ – hier einen Verwaltungsrat – hätte ernennen können; vgl. Art. 731b Abs. 1bis OR). Wäre früher ein Konkursverfahren eröffnet worden, so hätte jedenfalls ab diesem Zeitpunkt keine Haftung des Beschwerdeführers mehr bestanden. Die Haftung ist zeitlich begrenzt und nur für den Zeitraum möglich, in welchem der Beschwerdeführer über Vermögen disponieren und eine Zahlung an die Ausgleichskasse veranlassen konnte (Ueli Kieser, Art. 52 N 71 bis 74; vgl. dazu im Weiteren BGE 126 V 61). Somit hätte der Beschwerdeführer seine Haftung bereits viel früher einschränken können. Die Haft allein vermag die Haftung nach Art. 52 AHVG nicht zu verhindern. Zu Recht wies die Beschwerdegegnerin diesbezüglich auf das Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (heute: Bundesgericht) H 346/01 vom 4. Oktober 2002 E. 4. hin.
Demgemäss erkennt das Sozialversicherungsgericht:
://: Die Beschwerde wird abgewiesen.
Das Verfahren ist kostenlos.
Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen.
Sozialversicherungsgericht BASEL-STADT
Die Präsidentin Die Gerichtsschreiberin
lic. iur. K. Zehnder MLaw L. Marti
Rechtsmittelbelehrung
Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach der Eröffnung der vollständigen Ausfertigung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 100 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [Bundesgerichtsgesetz, BGG]). Die Beschwerdefrist kann nicht erstreckt werden (Art. 47 Abs. 1 BGG). Die Beschwerdegründe sind in Art. 95 ff. BGG geregelt.
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, in dreifacher Ausfertigung zuzustellen. Die Beschwerdeschrift hat den Anforderungen gemäss Art. 42 BGG zu genügen; zu beachten ist dabei insbesondere:
a) Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten;
b) in der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt;
c) die Urkunden, auf die sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat, ebenso der angefochtene Entscheid.
Geht an:
– Beschwerdeführer
– Beschwerdegegnerin
– Bundesamt für Sozialversicherungen