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Sozialversicherungsgericht des Kantons Basel-Stadt
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URTEIL
vom 6. Juni 2023
Mitwirkende
Dr. A. Pfleiderer (Vorsitz), Dr. med. W. Rühl, lic. iur. S. Bammatter-Glättli
und Gerichtsschreiberin lic. iur. S. Dreyer
Parteien
A____
[...]
vertreten durch B____, [...],
[...]
Beschwerdeführerin
IV-Stelle Basel-Stadt
Rechtsdienst, Aeschengraben 9, Postfach, 4002 Basel
Gegenstand
IV.2023.3
Zwischenverfügung vom 18. November 2022
Anordnung einer medizinischen Begutachtung
Tatsachen
I.
a) A____ (Beschwerdeführerin), geboren 1968, arbeitete seit dem 12. April 1999 bis zum 18. Januar 2008 (letzter effektiver Arbeitstag) für die C____ AG in der Gebindebewirtschaftung. Im Jahr 2003 wurde sie stellvertretende Abteilungsleiterin (vgl. den Fragebogen für Arbeitgebende [IV-Akte 15]; siehe das Zwischenzeugnis vom 14. August 2008 [IV-Akte 15] sowie den Lebenslauf [IV-Akte 17]). Ab dem 23. Januar 2008 liess sie sich wegen psychischer Probleme, ausgelöst durch eine sie belastende Situation am Arbeitsplatz, von Dr. D____ behandeln (vgl. IV-Akte 1, S. 6). Er attestierte der Beschwerdeführerin ab dem 21. Januar 2008 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (vgl. IV-Akte 7, S. 3 und IV-Akte 8, S. 1).
b) Anfang Juni 2008 meldete sich die Beschwerdeführerin zum Bezug von Leistungen der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) an (vgl. IV-Akte 1). Die IV-Stelle Basel-Stadt traf in der Folge entsprechende Abklärungen, insbesondere medizinischer Natur. Namentlich wurde Dr. D____ zur Berichterstattung aufgefordert (vgl. den Bericht vom 21. Juni 2008; IV-Akte 8). Anschliessend erteilte die IV-Stelle der Beschwerdeführerin Kostengutsprache für ein Arbeitstraining im kaufmännischen Bereich (vgl. die Mitteilung vom 10. Oktober 2008 [IV-Akte 29]; siehe die Mitteilung vom 2. Dezember 2008 betreffend Aufbautraining [IV-Akte 46]). Im Juni 2009 wurde das Training vorzeitig wegen Krankheit der Beschwerdeführerin (Exazerbation der Depression; vgl. IV-Akte 61) abgebrochen (vgl. den Schlussbericht vom 4. Juni 2009; IV-Akte 59). In der Folge erteilte die IV-Stelle Dr. E____ den Auftrag zur psychiatrischen Begutachtung der Beschwerdeführerin (Gutachten vom 26. Oktober 2009; IV-Akte 65). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (vgl. IV-Akte 66) wurde der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 19. März 2020 ab Januar bis August 2009 eine ganze und ab September 2009 eine Dreiviertelsrente zugesprochen (vgl. IV-Akte 68).
c) Ab dem 1. Oktober 2009 arbeitete die Beschwerdeführerin ca. 5.5 Stunden pro Tag als Mobile Merchandiser für die F____ AG (vgl. den Bericht für Arbeitgebende [IV-Akte 75] sowie die Arbeitsbestätigung vom 17. April 2015 [IV-Akte 99, S. 2]; siehe auch den IK-Auszug [IV-Akte 129]). Im Dezember 2012 leitete die IV-Stelle eine Überprüfung des Rentenanspruches der Beschwerdeführerin in die Wege (vgl. IV-Akte 70). In diesem Zusammenhang holte sie bei Dr. D____ den Verlaufsbericht vom 12. Januar 2013 ein (vgl. IV-Akte 73). Anschliessend erteilte sie Dr. G____ den Auftrag zur Erstattung eines psychiatrischen Verlaufsgutachtens (Gutachten vom 4. September 2014; IV-Akte 84). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (vgl. IV-Akte 89) setzte die IV-Stelle die der Beschwerdeführerin bislang gewährte Dreiviertelsrente mit Verfügung vom 29. April 2015 auf eine halbe Rente herab (vgl. IV-Akte 95).
d) Im März 2018 leitete die IV-Stelle erneut eine Überprüfung des Rentenanspruches der Beschwerdeführerin in die Wege (vgl. IV-Akte 107). Sie forderte in diesem Zusammenhang die behandelnden Ärzte zur Berichterstattung auf (Bericht Dr. H____ vom 28. März 2018 [IV-Akte 110]; Bericht Dr. D____ vom 6. April 2018 [IV-Akte 111]). Mit Schreiben vom 20. September 2018 teilte die IV-Stelle der Beschwerdeführerin mit, sie habe weiterhin Anspruch auf eine halbe Rente (vgl. IV-Akte 114).
e) Am 18. Februar 2019 wurde die Beschwerdeführerin von Dr. I____ am linken Knie operiert (vgl. IV-Akte 131, S. 3). Ab dem 26. September 2019 wurde ihr eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert (vgl. u.a. IV-Akte 121, S. 2 und IV-Akte 122, S. 4). Am 26. November 2019 wurde sie erneut von Dr. I____ am linken Knie operiert (vgl. IV-Akte 128, S. 2). Der Heilverlauf war protrahiert (vgl. IV-Akte 128, S. 1). Im April 2020 stellte die Beschwerdeführerin ein Gesuch um Rentenerhöhung (vgl. IV-Akte 122). Die IV-Stelle forderte die behandelnden Ärzte zur Berichterstattung auf (Bericht Dr. D____ vom 10. Mai 2020 [IV-Akte 124]; Bericht Dr. I____ vom 17. Juli 2020 [IV-Akte 131]). Ausserdem liess sie die Beschwerdeführerin einen Fragebogen betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt ausfüllen (vgl. IV-Akte 134). Im weiteren Verlauf holte die IV-Stelle bei den behandelnden Ärzten immer wieder Verlaufsberichte ein (Bericht Dr. D____ vom 15. Februar 2021 [IV-Akte 146]; Bericht Dr. I____ vom 23. April 2021 [IV-Akte 150]; Bericht Dr. D____ vom 20. August 2021 [IV-Akte 155]; Bericht Dr. I____ vom 1. Dezember 2021 [IV-Akte 158, S. 2]).
f) Mit Stellungnahme vom 8. März 2022 empfahl der RAD eine bidisziplinäre (rheumatologisch-psychiatrische) Begutachtung der Beschwerdeführerin (vgl. IV-Akte 160). Darüber wurde diese mit Schreiben vom 7. April 2022 orientiert. Auch wurde ihr die Möglichkeit gegeben, Zusatzfragen zu stellen (vgl. IV-Akte 162). Die Beschwerdeführerin machte mit Schreiben vom 28. April 2022 geltend, sie habe bezüglich der vorgesehenen bidisziplinären medizinischen Begutachtung keine Einwände. Allerdings seien die Gutachtenspersonen ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass weitere medizinische Fachrichtungen hinzuzuziehen seien, sofern die Notwendigkeit hierfür erkannt werde. Gleichzeitig führte die Beschwerdeführerin mehrere Zusatzfragen an (vgl. IV-Akte 165). In der Folge zog die IV-Stelle die Akten der Unfallversicherung (betreffend einen von der Beschwerdeführerin im August 2020 erlittenen Unfall mit dem Fahrrad) bei (vgl. IV-Akte 172).
g) In der Folge deponierte die IV-Stelle den Auftrag am 28. September 2022 auf der SuisseMED@P-Plattform. Das Los fiel auf Dr. J____ (K____ GmbH) und Dr. L____ (vgl. IV-Akten 174, 175 und 178). Mit Schreiben vom 11. Oktober 2022 teilte die IV-Stelle der Beschwerdeführerin mit, die rheumatologische Begutachtung werde von Dr. J____ vorgenommen. Als psychiatrischer Gutachter komme Dr. L____ zum Einsatz. Der Beschwerdeführerin wurde eine 10-tägige Frist gesetzt, um allfällige Ausstandsgründe gegen die Gutachtenspersonen vorzubringen (vgl. IV-Akte 177). In der Folge liess die Beschwerdeführerin die IV-Stelle mit Briefen vom 20. Oktober 2022 und vom 10. November 2022 wissen, es sei ihr aus sehr persönlichen Gründen nicht möglich, sich psychiatrisch von einer männlichen Person begutachten zu lassen. Sie bitte darum, die Begutachtung bei Dr. M____ in Basel zu veranlassen (vgl. IV-Akten 179 und 184). Mit Zwischenverfügung vom 18. November 2022 hielt die IV-Stelle an der vorgesehenen bidisziplinären Begutachtung durch Dr. J____ und Dr. L____ fest (vgl. IV-Akte 186).
II.
a) Hiergegen hat die Beschwerdeführerin am 4. Januar 2023 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht Basel-Stadt erhoben. Sie beantragt Folgendes: Es sei die Verfügung vom 18. November 2022 aufzuheben und es sei die IV-Stelle zu verpflichten, ein bidisziplinäres psychiatrisch-rheumatologisches Gutachten in Auftrag zu geben, in dessen Rahmen die psychiatrische Begutachtung durch eine weibliche Gutachtensperson zu erfolgen hat. Unter o/e-Kostenfolge. Der Beschwerde hat die Beschwerdeführerin eine Stellungnahme von Dr. D____ vom 4. Januar 2023 beigelegt.
b) Die IV-Stelle (Beschwerdegegnerin) schliesst mit Beschwerdeantwort vom 30. Januar 2023 auf Abweisung der Beschwerde.
c) Die Beschwerdeführerin hält mit Replik vom 4. April 2023 an ihrer Beschwerde fest.
d) Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Duplik vom 28. April 2023 weiterhin die Abweisung der Beschwerde.
III.
Am 6. Juni 2023 findet die Beratung der Sache durch die Kammer des Sozialversicherungsgerichts statt.
Entscheidungsgründe
1.
1.1. Gegen Einspracheentscheide oder Verfügungen, gegen welche eine Einsprache ausgeschlossen ist (vgl. Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 3. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]), kann Beschwerde erhoben werden (Art. 56 Abs. 1 ATSG). Dies gilt namentlich für prozess- und verfahrensleitende Verfügungen und somit auch für Zwischenverfügungen im Sinne von Art. 55 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG [SR 172.021]; vgl. vgl. Ueli KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Auflage 2020, N. 40 f. zu Art. 49 ATSG). Das kantonale Gericht kann sich aber nur mit der in der Verfügung behandelten Frage befassen, falls ein nicht wiedergutzumachender Nachteil droht (vgl. u.a. BGE 141 V 330, 338 E. 5.1; siehe auch das Urteil des Bundesgerichts 8C_644/2010 vom 17. Dezember 2010 E. 1.3).
1.2. Am 1. Januar 2022 ist das revidierte IVG in Kraft getreten (Weiterentwicklung der IV [WEIV]; Änderung vom 19. Juni 2020, AS 2021 705, BBl 2017 2535). Vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen sind in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben. Anders verhält es sich mit verfahrensrechtlichen Neuerungen. Neue Verfahrensvorschriften sind grundsätzlich mit dem Tag des Inkrafttretens sofort und in vollem Umfange anwendbar, es sei denn, das neue Recht kenne anderslautende Übergangsbestimmungen (BGE 144 V 210 E. 4.3.1; BGE 129 V 113 E. 2.2). In Zusammenhang mit der Gesetzesänderung per 1. Januar 2022 sind keine Übergangsbestimmungen erlassen worden, welche die Einholung von Gutachten betreffen. Da im vorliegenden Fall die Anordnung der Begutachtung nach dem 1. Januar 2022 erfolgte, sind somit die neuen Verfahrensbestimmungen anwendbar.
3.1.2. Art. 43 Abs. 2 ATSG zufolge hat sich die versicherte Person den ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn diese für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind. Ist die versicherte Person aufgrund ihres Gesundheitszustands nicht in der Lage, ihren Mitwirkungspflichten nachzukommen, kann ihr gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts die Verweigerung der Mitwirkung nicht zugerechnet werden, was sie entschuldbar macht (vgl. u.a. das Urteil des Bundesgerichts 9C_235/2013 vom 10. September 2013 E. 3.2 mit Hinweisen). Die Mitwirkung ist zumutbar, wenn der verfolgte Zweck in einem vernünftigen Verhältnis zur Beeinträchtigung des Pflichtigen steht. Für diese Beurteilung sind sowohl die objektiven als auch die subjektiven Umstände zu berücksichtigen. Dabei ist die Frage der subjektiven Zumutbarkeit ebenfalls objektiv zu klären: Es geht mithin nicht etwa darum, ob die betreffende Person aus ihrer eigenen, subjektiven Wahrnehmung heraus die Untersuchung als zumutbar erachtet, sondern darum, dass die subjektiven Umstände, etwa Alter, Gesundheitszustand, bisherige Erfahrungen mit Abklärungen, in einer objektiven Betrachtung dahingehend gewürdigt werden, ob diese Umstände die Untersuchung zulassen oder nicht (BGE 134 V 61, 71 E. 4.2.1). Die objektive Zumutbarkeit hängt unter anderem damit zusammen, dass eine medizinische Untersuchung oder gar eine Begutachtung die persönliche Freiheit einer versicherten Person tangieren kann, wobei lediglich leichte Eingriffe in die Grundrechte der persönlichen Freiheit von den Versicherten in Kauf genommen werden müssen. Die üblichen Untersuchungen sind ohne konkret entgegenstehende Umstände generell als zumutbar zu betrachten (vgl. u.a. das Urteil des Bundesgerichts 8C_283/2020 vom 4. August 2020 E. 4.2.1).
3.3.2. Gemäss Art. 7j Abs. 1 ATSV hat der Versicherungsträger die Ausstandsgründe zu prüfen, wenn eine Partei eine Sachverständige oder einen Sachverständigen nach Art. 44 Abs. 2 ATSG ablehnt. Liegt kein Ausstandsgrund vor, so ist ein Einigungsversuch durchzuführen. Gemäss Art. 7j Abs. 3 ATSV ist bei der Vergabe eines Auftrags für ein Gutachten nach dem Zufallsprinzip, somit bei bis- und polydisziplinären Gutachten (vgl. Art. 72bis IVV; Erwägung 3.4. hiernach), kein Einigungsversuch durchzuführen. Hält der Versicherungsträger trotz Ablehnungsantrag an den vorgesehenen Sachverständigen fest, so teilt er dies gemäss Art. 44 Abs. 4 ATSG der Partei durch Zwischenverfügung mit.
Demgemäss erkennt das Sozialversicherungsgericht:
://: Die Beschwerde wird abgewiesen.
Die Beschwerdeführerin trägt die ordentlichen Kosten des Verfahrens, bestehend aus einer Gebühr von Fr. 800.--.
Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen.
Sozialversicherungsgericht BASEL-STADT
Die Präsidentin Die Gerichtsschreiberin
Dr. A. Pfleiderer lic. iur. S. Dreyer
Rechtsmittelbelehrung
Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach der Eröffnung der vollständigen Ausfertigung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 100 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [Bundesgerichtsgesetz, BGG]). Die Beschwerdefrist kann nicht erstreckt werden (Art. 47 Abs. 1 BGG). Die Beschwerdegründe sind in Art. 95 ff. BGG geregelt.
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, in dreifacher Ausfertigung zuzustellen. Die Beschwerdeschrift hat den Anforderungen gemäss Art. 42 BGG zu genügen; zu beachten ist dabei insbesondere:
a) Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten;
b) in der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt;
c) die Urkunden, auf die sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat, ebenso der angefochtene Entscheid.
Geht an:
– Beschwerdeführerin
– Beschwerdegegnerin
– Bundesamt für Sozialversicherungen