Glarus Entscheide

kantone/gl/GL-VG-2015-256.html 

Geschäftsnummer: VG.2015.00029 (VG.2015.256)
Instanz: K1
Entscheiddatum: 06.08.2015
Publiziert am: 06.10.2015
Aktualisiert am: 06.10.2015
Titel: Öffentliches Baurecht/Raumplanung/Umweltschutz

Resümee:

Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone: Durchführung eines Augenscheins; Anrechnung eines Werkraums zur Bruttogeschossfläche

Ein Augenschein ist ein Mittel der Sachverhaltsabklärung. Der Verzicht auf Durchführung eines Augenscheins ist zulässig, wenn die Akten eine hinreichende Entscheidgrundlage darstellen (E. II/4.2). Vorliegend ist der rechtlich massgebliche Sachverhalt aufgrund der Akten mit Plänen, Fotografien und weiteren Unterlagen klar, weshalb zusätzliche Abklärungen an Ort und Stelle nicht erforderlich sind. Ein Augenschein erwies sich daher weder in den vorinstanzlichen Verfahren als notwendig noch erscheint er im vorliegenden Verfahren als angezeigt (E. II/4.3).
In der bundesrechtlichen Raumplanungsverordnung wird nicht definiert, welche Räume zur anrechenbaren Bruttogeschossfläche (aBGF) gezählt werden. Da sowohl die Vorschriften der kantonalen Bauverordnung als auch diejenigen des kommunalen Baureglements über die Berechnung der Bruttogeschossfläche grundsätzlich die subsidiäre Definition der aBGF des Bundesamts für Raumentwicklung umfassen, gelangen diese Vorschriften zur Anwendung (E. II/5.3). Für die Beurteilung, ob ein Raum dem Wohnen, Arbeiten oder sonst wie dem dauernden Aufenthalt dient, ist die objektive Eignung des Raums entscheidend. Genügt ein Raum sämtlichen Anforderungen, die an Wohn- und Arbeitsräume gestellt werden, so ist er ohne Weiteres rechtlich als solcher zu behandeln. Massgebend ist damit, ob ein Gebäudeteil aufgrund seines Ausbaus bewohnt werden bzw. als Arbeitsraum dienen könnte (E. II/5.4). Vorliegend befindet sich im Raum, welcher als Werkraum bezeichnet ist und im Erdgeschoss liegt, in der nördlichen Hälfte ein Boiler, ein Kamin, ein Holzofen sowie weitere haustechnische Anlagen. Dabei handelt es sich unabhängig von der Raumbezeichnung und der Belichtungsverhältnisse um einen technischen Raumteil für Heizung, Wasser und Elektroversorgung, welcher nicht zur aBGF gezählt werden kann. Der südliche Raumteil wird durch ein Fenster belichtet und kann durch den Holzofen beheizt werden. Damit kann dieser Raumteil durchaus als Werkraum genutzt werden, weshalb es vertretbar ist, ihn zur aBGF zu zählen. Dabei erweist sich die Praxis des Departements Bau und Umwelt des Kantons Glarus, wonach Arbeitsräume nur in einem Umfang angerechnet werden, in welchem die Fläche des Raums mindestens dem Zehnfachen der Fensterfläche entspricht, als zulässig. Insbesondere ermöglicht sie auf eine auf sachlichen Kriterien beruhende Gleichbehandlung verschiedener Ansprecher (E. II/5.5).

Abweisung der Beschwerde.
 

 

 

 

VERWALTUNGSGERICHT DES KANTONS GLARUS

 

 

 

Urteil vom 6. August 2015

 

 

I. Kammer

 

 

in Sachen

VG.2015.00029

 

 

 

A.______

Beschwerdeführer

 

 

B.______

 

beide vertreten durch Rechtsanwalt C.______

 

 

 

gegen

 

 

 

1.

Gemeinde Glarus

Beschwerdegegner

 

2.

Departement Bau und Umwelt des Kantons Glarus

 

3.

Regierungsrat des Kantons Glarus

 

 

 

betreffend

 

 

Baubewilligung

 

Die Kammer zieht in Erwägung:

I.

1.

Am 12. Januar 2014 reichten A.______ und B.______ bei der Gemeinde Glarus ein Baugesuch für den teilweisen Abbruch und den Um- bzw. Neubau des im Klöntal in der Landwirtschaftszone gelegenen Ferienhauses, Parz.-Nr. […], Grundbuch Glarus, ein. Das Baugesuch lag vom 17. Januar bis 17. Februar 2014 öffentlich auf. Mit Teilverfügung vom 7. April 2014 erteilte das Departement Bau und Umwelt des Kantons Glarus (DBU) die Bewilligung für das Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone nicht. In der Folge verweigerte die Gemeinde Glarus am 29. April 2014 die Baubewilligung.

 

2.

Dagegen erhoben A.______ und B.______ am 27. Mai 2014 Beschwerde beim Regierungsrat des Kantons Glarus und beantragten die Aufhebung der Verfügung vom 29. April 2014 und die Anweisung an die Vorinstanz, das Baugesuch zu bewilligen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Gemeinde Glarus. Am 20. Januar 2015 wies der Regierungsrat die Beschwerde ab.

 

3.

Am 23. Februar 2015 erhoben A.______ und B.______ gegen den Entscheid des Regierungsrats vom 20. Januar 2015 Beschwerde beim Verwaltungsgericht und beantragten dessen Aufhebung und die Anweisung an das DBU und an den Gemeinderat Glarus, das Baugesuch zu bewilligen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Regierungsrats.

 

Die Gemeinde Glarus beantragte am 25. März 2015 die Abweisung der Beschwerde. Das DBU beantragte am 26. März 2015 die Abweisung der Beschwerde; unter Kostenfolge. Gleichentags beantragte der Regierungsrat ebenfalls, die Beschwerde sei abzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten von A.______ und B.______.

 

II.

1.

Das Verwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig (Art. 79 Abs. 1 des Raumentwicklungs- und Baugesetzes vom 2. Mai 2010 [RBG] i.V.m. Art. 105 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Mai 1986 [VRG]). Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.

 

2.

2.1 Nach Art. 22 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Raumplanung vom 22. Juni 1979 (RPG) dürfen Bauten und Anlagen nur mit behördlicher Bewilligung errichtet oder geändert werden. Nach Abs. 2 der nämlichen Bestimmung ist Voraussetzung einer Bewilligung, dass Bauten und Anlagen dem Zweck der Nutzungszone entsprechen (lit. a) und dass das Land erschlossen ist (lit. b). Für nicht zonenkonforme Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone bedarf es einer Ausnahmebewilligung des DBU (Art. 25 Abs. 2 RPG i.V.m. Art. 62 Abs. 2 RBG).

 

2.2 Vorliegend ist unbestritten, dass es sich beim umzubauenden Ferienhaus, welches sich in der Landwirtschaftszone befindet, um eine bestehende zonenwidrige Baute ausserhalb der Bauzone handelt, weshalb das Bauvorhaben nur zulässig ist, wenn eine Ausnahmebewilligung im Sinne von Art. 24 ff. RPG erteilt werden kann. Dabei steht Art. 24c RPG im Vordergrund. Nach Abs. 1 dieser Vorschrift sind bestimmungsgemäss nutzbare Bauten und Anlagen ausserhalb der Bauzonen, die nicht mehr zonenkonform sind, grundsätzlich in ihrem Bestand geschützt. Solche Bauten und Anlagen können gemäss Abs. 2 mit Bewilligung der zuständigen Behörde erneuert, teilweise geändert, massvoll erweitert oder wiederaufgebaut werden, sofern sie rechtmässig erstellt oder geändert worden sind. Nach Abs. 4 müssen Veränderungen am äusseren Erscheinungsbild für eine zeitgemässe Wohnnutzung oder eine energetische Sanierung nötig oder darauf ausgerichtet sein, die Einpassung in die Landschaft zu verbessern. Schliesslich sieht Abs. 5 vor, dass in jedem Fall die Vereinbarkeit mit den wichtigen Anliegen der Raumplanung vorbehalten bleibt.

 

2.3 Eine Änderung gilt als teilweise und eine Erweiterung als massvoll, wenn die Identität der Baute oder Anlage einschliesslich ihrer Umgebung in den wesentlichen Zügen gewahrt bleibt. Verbesserungen gestalterischer Art sind zulässig (Art. 42 Abs. 1 der Raumplanungsverordnung vom 28. Juni 2000 [RPV]). Massgeblicher Vergleichszustand für die Beurteilung der Identität ist der Zustand, in dem sich die Baute oder Anlage im Zeitpunkt der Zuweisung zum Nichtbaugebiet befand (Art. 42 Abs. 2 RPV). Ob die Identität der Baute oder Anlage im Wesentlichen gewahrt bleibt, ist unter Würdigung der gesamten Umstände zu beurteilen. In jedem Fall gelten gemäss Art. 42 Abs. 3 RPV folgende Regeln: Innerhalb des bestehenden Gebäudevolumens darf die anrechenbare Bruttogeschossfläche nicht um mehr als 60 Prozent erweitert werden, wobei das Anbringen einer Aussenisolation als Erweiterung innerhalb des bestehenden Gebäudevolumens gilt (lit. a); unter den Voraussetzungen von Art. 24c Abs. 4 RPG kann einer Erweiterung ausserhalb des bestehenden Gebäudevolumens erfolgen; die gesamte Erweiterung darf in diesem Fall sowohl bezüglich der anrechenbaren Bruttogeschossfläche als auch bezüglich der Gesamtfläche (Summe von anrechenbarer Bruttogeschossfläche und Brutto-Nebenfläche) weder 30 Prozent noch 100 m2 überschreiten; die Erweiterungen innerhalb des bestehenden Gebäudevolumens werden nur halb angerechnet (lit. b); bauliche Veränderungen dürfen keine wesentlich veränderte Nutzung ursprünglich bloss zeitweise bewohnter Bauten ermöglichen (lit. c).

 

3.

3.1 Die Beschwerdeführer machen eine unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts geltend, da der Beschwerdegegner 3 die Situation nicht nach ihren konkreten Umständen gewürdigt und ohne Durchführung eines Augenscheins anhand einer schematischen Berechnung angenommen habe, der Raum im Erdgeschoss sei nicht vollständig zur Bruttogeschossfläche anrechenbar. Dieser sei jedoch immer als Werkraum genutzt worden, verfüge über ein Fenster, werde mit einem Holzofen beheizt und sei isoliert, weshalb er voll anzurechnen sei. Weiter erweise sich das Abstellen auf ein Merkblatt des Kantons Uri sowie auf Richtlinien der Baudirektion des Kantons Zürich als willkürlich und es hätten die gesamten Umstände gewürdigt werden müssen. Die Berechnung anhand der korrekten Flächen unter vollem Einbezug des Werkraums zeige, dass das Bauvorhaben gesetzeskonform und bewilligungsfähig sei. Letztlich werde durch die Änderung am Gebäude auch die Identität der Baute gewahrt, weshalb die Bewilligung für den Umbau zu Unrecht nicht erteilt worden sei.

 

3.2 Der Beschwerdegegner 2 führt aus, das Abstützen auf das Merkblatt des Kantons Uri entspreche einer gefestigten Praxis und sei keinesfalls willkürlich. Räume im Unter- und Erdgeschoss würden nur dann zur Bruttogeschossfläche gerechnet, wenn sie wärmegedämmt und entsprechend befenstert seien. Nach allgemeiner Praxis seien Wohn- und Arbeitsräume genügend belichtet, wenn die Fensterfläche mindestens 10 % der Grundfläche erreiche. Da eine genügende Belichtung nur für den vorderen Teil des Werkraums zutreffe, sei nur dieser maximal mit 11,13 m2 zur Bruttogeschossfläche anzurechnen. Insgesamt werde die zulässige Erweiterung der Bruttogeschossfläche sowie der Gesamtfläche von je 30 % klar überschritten.

 

3.3 Der Beschwerdegegner 3 vertritt die Auffassung, dass der Sachverhalt in genügender Weise und richtig festgestellt worden sei und die Berechnung der zu berücksichtigenden Flächen anhand der Pläne habe vorgenommen werden können, weshalb kein Augenschein notwendig gewesen sei. Gemäss dem beizuziehende Merkblatt "Bauen ausserhalb der Bauzone" des Kantons Uri seien Räume im Unter- und Erdgeschoss zur anrechenbaren Bruttogeschossfläche zu rechnen, wenn sie wärmegedämmt und entsprechend befenstert seien. Da Art. 27 des Baugesetzes des Kantons Glarus vom 4. Mai 1952 (aBauG) bestimmt habe, dass Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume mit seitlichen Fenstern versehen sein sollten, deren Lichtmass in Vollgeschossen mindestens 1:10, in Dachgeschossen mindestens 1:15 der Bodenfläche, immer aber mindestens 0,80 m2 betragen müssten, habe bereits im Zeitpunkt der Errichtung des Gebäudes die Vorschrift bestanden, das Lichtmass der Fensterfläche müsse einen Zehntel der Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume betragen. Da in Art. 5 der Bauverordnung vom 6. Juni 1989 (aBauV) der Wortlaut von Art. 27 aBauG übernommen worden sei, sei es legitim, dass nur das Zehnfache der Fensterfläche des Werkraums als anrechenbare Bruttogeschossfläche berücksichtigt worden sei. Das Bauprojekt überschreite die für die Wahrung der Identität des Gebäudes maximal zulässige Erweiterung der Bruttogeschossfläche und sei deshalb nicht bewilligungsfähig.

 

4.

4.1 Die Beschwerdeführer beantragen die Durchführung eines Augenscheins und werfen dem Beschwerdegegner 3 vor, er habe aufgrund des Verzichts auf einen Augenschein den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig und unvollständig festgestellt. Sinngemäss machen sie damit eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV) geltend.

 

4.2 Aus dem Gebot der Gewährung des rechtlichen Gehörs nach Art. 29 Abs. 2 BV folgt der Anspruch der Parteien, mit rechtzeitig und formgültig angebotenen Beweisanträgen und Vorbringen gehört zu werden, soweit diese erhebliche Tatsachen betreffen und nicht offensichtlich beweisuntauglich sind (BGE 120 Ib 379 E. 3b). Keine rechtliche Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt vor, wenn eine Behörde auf die Abnahme beantragter Beweismittel verzichtet, weil sie aufgrund der bereits abgenommenen Beweise ihre Überzeugung gebildet hat und ohne Willkür in vorweggenommener Beweiswürdigung annehmen kann, dass ihre Überzeugung durch weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde. Das rechtliche Gehör verlangt, dass die Behörde die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt (BGE 124 I 241 E. 2). Die Begründungspflicht und der Anspruch auf Begründung sind jedoch nicht bereits dadurch verletzt, dass sich die urteilende Behörde nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen widerlegt. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken (BGer-Urteil 1A.161/2002 vom 3. April 2003 E. 2.1).

 

Ein Augenschein ist ein Mittel der Sachverhaltsabklärung. Zur Durchführung eines Augenscheins ist eine Behörde nur verpflichtet, wenn die Verhältnisse anders nicht schlüssig abgeklärt werden können und die tatsächlichen Verhältnisse unklar sind und anzunehmen ist, die Parteien vermöchten durch ihre Darlegungen an Ort und Stelle Wesentliches zur Erhellung der sachlichen Grundlagen des Rechtsstreits beizutragen. Der Verzicht auf Durchführung eines Augenscheins ist zulässig, wenn die Akten eine hinreichende Entscheidgrundlage darstellen (Kaspar Plüss, in Alain Griffel [Hrsg.], Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 3. A., Zürich/Basel/Genf 2014, § 7 N. 79).

 

4.3 Vorliegend ist zu entscheiden, ob die einschlägigen Bestimmungen des Raumplanungsgesetzes es zulassen, dass der als Werkraum bezeichnete Raum im Erdgeschoss vollständig zur Bruttogeschossfläche angerechnet werden kann und die Identität der Baute gewahrt bleibt. Der rechtlich massgebliche Sachverhalt ist aufgrund der Akten mit Plänen, Fotografien und weiteren Unterlagen klar, weshalb zusätzliche Abklärungen an Ort und Stelle nicht erforderlich sind. Ein Augenschein erwies sich daher weder in den vorinstanzlichen Verfahren als notwendig noch erscheint er im vorliegenden Verfahren als angezeigt.

 

5.

5.1 Es ist unbestritten, dass es sich beim Ferienhaus um eine rechtmässig erstellte Baute ausserhalb der Bauzone handelt. Auch nicht bestritten ist, dass beim geplanten Bauvorhaben eine Erweiterung ausserhalb des bestehenden Gebäudevolumens erfolgt, weshalb Art. 24c RPG i.V.m. Art. 42 Abs. 3 lit. b RPV zur Anwendung gelangen. Strittig ist jedoch, welche Fläche des als Werkraum bezeichneten Raums im Erdgeschoss zur Bruttogeschossfläche anzurechnen ist.

 

5.2 Massgeblicher Vergleichszeitpunkt für die Beurteilung der Identität ist dabei grundsätzlich der Zustand, in dem sich die Baute im Zeitpunkt der Zuweisung zum Nichtbaugebiet befand. Als massgeblicher Zeitpunkt gilt der 1. Juli 1972, als mit dem Inkrafttreten des Gewässerschutzgesetzes erstmals eine klare Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet vorgenommen wurde (BGE 129 II 396 E. 4.2.1). Da jedoch keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich sind, dass am streitbetroffenen Gebäude seit dem Jahr 1972 wesentliche Änderungen vorgenommen worden sind, kann für die Beurteilung der Identität im Sinne von Art. 42 RPV auf den aktuellen Zustand des Gebäudes abgestellt werden.

 

5.3

5.3.1 Wie bereits ausgeführt (E. II/2.3), darf gemäss Art. 42 Abs. 3 lit. b RPV eine Erweiterung ausserhalb des bestehenden Gebäudevolumens sowohl bezüglich der anrechenbaren Bruttogeschossfläche (aBGF) als auch bezüglich der Gesamtfläche weder 30 Prozent noch 100 m2 überschreiten. Welche Räume jedoch zur aBGF gezählt werden, wird in der RPV nicht definiert. In den Erläuterungen zur Raumplanungsverordnung und Empfehlungen für den Vollzug des Bundesamts für Raumentwicklung (Bundesamt für Raumentwicklung [Hrsg.], Neues Raumplanungsrecht, Erläuterungen zur Raumplanungsverordnung und Empfehlungen für den Vollzug, Teil V: Bewilligungen nach Art. 24c RPG: Änderungen an zonenwidrig gewordenen Bauten und Anlagen, Bern 2000/2001, S. 21) findet sich im Anhang 1 eine subsidiäre Definition der aBGF, welche jedoch nur zur Anwendung gelangt, sofern sich bestehende kantonale Regelungen zur aBGF-Definition nicht im Grundsatz an die ORL-Norm 514 420 (Provisorische Richtlinien zur Orts-, Regional- und Landesplanung, Die Ausnützungsziffer, Blatt 514 420, 1966) anlehnen. Nach dieser Definition zählen zur aBGF die Teile der Nutzfläche eines Gebäudes, die für das Wohnen und Arbeiten bestimmt sind bzw. genutzt werden sowie die zur Erschliessung der entsprechenden Wohn- und Arbeitsräume dienenden Verkehrsflächen (Flure, Korridore, Eingangshallen; Treppen und Rampen; Aufzugsschächte). Nicht zur aBGF zugerechnet werden hingegen unter anderem zu Wohnungen gehörende Keller-, Estrich- und Trockenräume, Waschküchen, Abstellräume, Fahrzeugeinstellräume, Schutzräume und Kehrichträume; Funktionsflächen wie Räume für Haustechnikanlagen, Motorräume für Aufzugs- und Förderanlagen, Ver- und Entsorgungsschächte und -kanäle, sowie Installationsgeschosse, Heizungs- und Tankräume.

 

5.3.2 Nach Art. 63 Abs. 2 der kantonalen Bauverordnung vom 23. Februar 2011 (BauV) zählen zur anrechenbaren Geschossfläche alle für das Wohnen oder das Gewerbe verwendbaren Geschossflächen einschliesslich Gänge, Treppenhäuser, Liftschächte sowie Mauer- und Wandquerschnitte (inkl. Aussenmauerwerk). Bei abgeschrägten Räumen werden Geschossflächen, die eine lichte Höhe von weniger als 1,50 m aufweisen nicht angerechnet. Der aBGF nicht zugerechnet werden gemäss Art. 63 Abs. 3 BauV dem Wohnen oder dem Gewerbe sowie dem dauernden Aufenthalt nicht oder nur beschränkt dienende Räume wie Kellerräume, Estrichräume, nicht gewerblich genutzte Einstellräume, verglaste und nicht mit Fremdenergie beheizte Veranden, Vorbauten, Balkone (ausser der Erschliessung von anrechenbaren Räumen dienende Laubengänge), Terrassen und Wintergärten, ferner unterirdische Gewerberäume ohne Arbeitsplätze, insbesondere Lagerräume.

 

Als anrechenbare Bruttogeschossfläche gilt nach Art. 65 Abs. 2 des Baureglements der Gemeinde Glarus vom 1. Juli 2011 (BO) die Summe aller oberirdischen und unterirdischen Geschossflächen, einschliesslich der Aussen- und Wandquerschnitte. Nicht angerechnet werden nach lit. a alle nicht dem Wohnen und dem Gewerbe dienenden oder hierfür nicht verwendbaren Flächen wie zum Beispiel zu Wohnungen gehörende Abstell-, Keller-, Estrich-, Wasch- und Trockenräume; technische Räume für Heizung, Wasser, Elektroversorgung, Maschinenräume für Aufzüge, Ventilations-, Klima- und Energiegewinnungsanlagen; angemessene Einstellräume für Motorfahrzeuge, Velos, Kinderwagen und dergleichen; Korridore, Treppen und Aufzüge, die überwiegend nicht anrechenbare Räume erschliessen; mindestens einseitig offene Erdgeschosshallen, Dachterrassen, Sitzplätze und Balkone; Flächen unter 1,5 m lichter Raumhöhe.

 

5.3.3 Sowohl die Vorschriften der kantonalen Bauverordnung als auch diejenigen des Baureglements der Gemeinde Glarus über die Berechnung der Bruttogeschossfläche umfassen grundsätzlich die subsidiäre Definition der aBGF des Bundesamts für Raumentwicklung, weshalb die Vorschriften vorliegend zur Anwendung gelangen.

 

5.4 Ein Raum gilt als für die Ausnützung anrechenbare Fläche, wenn er nicht nur einen Sachzweck erfüllt, sondern für die Ausübung menschlicher Tätigkeiten und damit für den Aufenthalt von Personen bestimmt ist. Für die Beurteilung, ob ein Raum dem Wohnen, Arbeiten oder sonst wie dem dauernden Aufenthalt dient, ist nicht entscheidend, ob eine solche Nutzungsart von Anfang an vorgesehen ist oder nicht. Es genügt, dass eine solche Verwendung ohne wesentliche bauliche Änderungen herbeigeführt werden kann. Ausser Betracht fallen subjektive Gesichtspunkte wie die vom Bauherrn beabsichtigte Nutzung. Auf die Bezeichnung eines Raums in den Plänen, also auf den blossen Parteiwillen, kann es nicht ankommen. Entscheidend ist vielmehr die objektive Eignung des Raums. Genügt ein Raum sämtlichen Anforderungen, die an Wohn- und Arbeitsräume gestellt werden, so ist er ohne Weiteres rechtlich als solcher zu behandeln. Massgebend ist damit, ob ein Gebäudeteil aufgrund seines Ausbaus bewohnt werden bzw. als Arbeitsraum dienen könnte (vgl. VGer ZH-Urteil VB.2000.00304 vom 7. Dezember 2000 E. 3b/aa, www.vgrzh.ch).

 

5.5

5.5.1 Vorliegend befinden sich im Raum, welcher als Werkraum bezeichnet ist und im Erdgeschoss liegt, in der nördlichen Hälfte ein Boiler, ein Kamin, ein Holzofen sowie weitere haustechnische Anlagen. Dabei handelt es sich unabhängig von der Raumbezeichnung und der Belichtungsverhältnisse um einen technischen Raumteil für Heizung, Wasser und Elektroversorgung, welcher gemäss Art. 63 Abs. 3 BauV i.V.m. Art. 65 Abs. 2 lit. a BO bei der Bestimmung der aBGF nicht angerechnet werden kann. Diesbezüglich ist in Übereinstimmung mit den Beschwerdegegnern 2 und 3 davon auszugehen, dass die nördliche Hälfte des Raums nicht zur aBGF gezählt werden kann.

 

5.5.2 Die Anrechnung des südlichen Raumteils zur aBGF begründet der Beschwerdegegner 3 einerseits mit dem Hinweis auf die nicht mehr geltenden Vorschriften von Art. 27 aBauG und Art. 5 aBauV, wonach Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume mit seitlichen Fenstern versehen sein sollten, deren Lichtmass in Vollgeschossen mindestens 1:10, in Dachgeschossen mindestens 1:15 der Bodenfläche, immer aber mindestens 0,80 m2 betragen musste. Andererseits verweist er auf das Merkblatt "Bauen ausserhalb der Bauzone" des Amts für Raumentwicklung des Kantons Uri, nach dessen Berechnungskriterien Räume im Unter- und Erdgeschoss zur aBGF zu rechnen seien, wenn sie wärmegedämmt und entsprechend befenstert seien.

 

5.5.3 Da wohnhygienische Vorschriften, die an Wohn- oder Arbeitsräume gestellt werden, sowohl auf kantonaler Ebene wie auch auf Gemeindeebene fehlen, ist im Sinne einer Gesamtwürdigung zu prüfen, ob der südliche Raumteil aufgrund seines Ausbaus bewohnt werden bzw. als Arbeitsraum dienen könnte. Dieser Raumteil wird durch ein Fenster, welches eine Fläche von etwa 1,1 m2 aufweist, belichtet und kann durch den Holzofen beheizt werden. Damit kann dieser südliche Raumteil durchaus als Werkraum genutzt werden, weshalb es vertretbar ist, ihn zur aBGF zu zählen und ihn nicht als Kellerraum zu qualifizieren, welcher nicht an die aBGF anrechenbar wäre. Dabei erweist sich die Praxis des Beschwerdegegners 2, wonach Arbeitsräume nur in einem Umfang angerechnet werden, in welchem die Fläche des Raums mindestens dem Zehnfachen der Fensterfläche entspricht, entgegen der Auffassung der Beschwerdeführer als zulässig. Insbesondere ermöglicht sie auf eine auf sachlichen Kriterien beruhende Gleichbehandlung verschiedener Ansprecher. Folglich ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegner 2 und 3 für das Erdgeschoss eine Fläche von maximal 11,13 m2 zur aBGF gezählt haben. Die aBGF des bestehenden Gebäudes beträgt somit insgesamt 57,60 m2. Wird diese Fläche mit der aBGF des geplanten Bauvorhabens, welche nach den Angaben des Beschwerdeführers 79,21 m2 aufweist, verglichen, ergibt sich eine Erweiterung der aBGF von 37,5 %, weshalb das Bauprojekt die zulässige Erweiterung von 30 % überschreitet und folglich im Lichte von Art. 42 Abs. 3 lit. b RPV nicht bewilligungsfähig ist.

 

Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.

 

6.

Damit muss nicht weiter geprüft werden, ob die anbegehrte Ausnahmebewilligung auch aus anderen Gründen zu verweigern wäre. Immerhin ist darauf hinzuweisen, dass durch die geplante Erstellung eines begehbaren Dachgeschosses anstelle des Estrichs die Gebäude- bzw. die Firsthöhe wesentlich verändert wird. Daneben ist es höchst fraglich, ob trotz der auffälligen Fassadengestaltung, der Form des Dachs sowie der erheblichen Vergrösserung des Balkons, der Veranda und des Sitzplatzes die Identität der bestehenden Baute gewahrt bleibt.

 

III.

Nach Art. 134 Abs. 1 lit. c VRG hat die Partei, welche im Beschwerdeverfahren unterliegt, die amtlichen Kosten zu tragen. Die pauschale Gerichtsgebühr von Fr. 2'000.- ist ausgangsgemäss den Beschwerdeführern aufzuerlegen und mit dem von ihnen bereits geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen. Es sind keine Parteientschädigungen zuzusprechen (Art. 138 Abs. 3 lit. a [e contrario] und Art. 138 Abs. 4 VRG).

Demgemäss erkennt die Kammer:

1.

Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.

Den Beschwerdeführern wird eine pauschale Gerichtsgebühr von Fr. 2'000.- auferlegt und mit dem von ihnen bereits geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe verrechnet.

3.

Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.

4.

Schriftliche Eröffnung und Mitteilung an:

 

[…]