Zürich Sozialversicherungsgericht

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Entscheide



UV.2002.00107

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
I. Kammer
Sozialversicherungsrichter Spitz, Vorsitzender

Sozialversicherungsrichterin Bürker-Pagani

Ersatzrichterin Maurer Reiter

Gerichtssekretär Gasser
Urteil vom 17. Juli 2003
in Sachen
Visana
Weltpoststrasse 19, Postfach, 3000 Bern 15
Beschwerdeführerin

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA)
Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358, 6002 Luzern
Beschwerdegegnerin

vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Stefan Mattmann
Murbacherstrasse 3, 6003 Luzern


Sachverhalt:
1.       A.___, geboren 1946, war über ihre Arbeitgeberin bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen Unfälle obligatorisch versichert, als ihr am 30. September 2001 beim Abstreifen der Socke vom rechten Fuss die Sehne am linken Zeigefinger riss (Urk. 11/3). Die Arbeitgeberin machte mit diesem Beschrieb des Vorfalls der SUVA am 8. Oktober 2001 eine Bagatellunfall-Meldung (Urk. 11/1). Nach einer Erstbehandlung bei Dr. med. Osterwalder am 3. Oktober 2001 (Urk. 11/4), der eine Schiene verabreichte, konsultierte A.___ Dr. med. B.___, Fachärztin für Handchirurgie und Orthopädische Chirurgie, welche anlässlich der Konsultation vom 13. Dezember 2001 ein persistierendes Extensionsdefizit am linken Zeigefinger nach einem nicht ossären Strecksehnenabriss diagnostizierte und einen Therapieversuch mit ganz konsequenter Ruhigstellung des Gliedes mittels Schiene vorschlug. Nachdem die Versicherte ihre Arbeit nach dem Ereignis zunächst wieder aufgenommen hatte (Urk. 11/3), attestierte die behandelnde Ärztin bis auf weiteres eine gänzliche Arbeitsunfähigkeit (Urk. 11/4). Die SUVA liess in der Folge die Versicherte zum Unfallereignis Stellung nehmen (Schreiben vom 16. Januar 2002, Urk. 11/3), worauf sie ihr mit Schreiben vom 22. Januar 2002 mitteilte, dass sie für den gemeldeten Vorfall keine Leistungen erbringen könne, da es sich dabei weder um einen Unfall noch um eine unfallähnliche Körperschädigung handle (Urk. 11/5). Nachdem sich die Versicherte damit nicht einverstanden gezeigt hatte (Urk. 11/6), erliess die SUVA am 19. Februar 2002 eine Verfügung gleichen Inhalts (Urk. 11/7). Der Krankenversicherer von A.___, die Visana, erhob dagegen Einsprache (Urk. 11/9, 11/12), welche die SUVA mit Entscheid vom 7. Mai 2002 abwies (Urk. 2).

2.       Dagegen erhob die Visana mit Eingabe vom 26. Juli 2002 Beschwerde und stellte folgende Anträge (Urk. 1):
"1.     Der Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom 7. Mai 2002 sowie die Verfügung vom 19. Februar 2002 seien aufzuheben.
 2.               Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der versicherten Frau A.___, Buchs ZH, für die sich aus dem Ereignis vom 30. September 2002 ergebenden Beschwerden die gesetzlichen Leistungen gemäss dem Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG) zu erbringen."
         A.___ liess sich innert Frist nicht vernehmen (Urk. 4). In der Beschwerdeantwort vom 28. November 2002 stellte die SUVA den Antrag, es sei die Beschwerde abzuweisen (Urk. 10). Das Gericht schloss am 3. Dezember 2002 den Schriftenwechsel (Urk. 13).
         Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, nachfolgend eingegangen.
Das Gericht zieht in Erwägung:
1.       Am 1. Januar 2003 sind das Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG) und die Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 11. September 2002 (ATSV) in Kraft getreten und haben in einzelnen Sozialversicherungsgesetzen und -verordnungen zu Revisionen geführt. In materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 467 Erw. 1, 126 V 136 Erw. 4b, je mit Hinweisen). Da sich der hier zu beurteilende Sachverhalt vor dem 1. Januar 2003 verwirklicht hat, gelangen die materiellen Vorschriften des ATSG und der ATSV sowie die gestützt darauf erlassenen Gesetzes- und Verordnungsrevisionen im vorliegenden Fall noch nicht zur Anwendung. Bei den im Folgenden zitierten Gesetzes- und Verordnungsbestimmungen handelt es sich deshalb - soweit nichts anderes vermerkt wird - um die Fassungen, wie sie bis Ende 2002 in Kraft gewesen sind.

2.
2.1      Gemäss Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) werden - soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt - die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt.  
Gemäss Art. 9 Abs. 1 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) gilt als Unfall die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper (BGE 122 V 232 Erw. 1 mit Hinweisen).
2.2      Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG kann der Bundesrat Körperschädigungen, die den Folgen eines Unfalles ähnlich sind, in die Versicherungen einbeziehen. Von dieser Kompetenz hat der Bundesrat in Art. 9 Abs. 2 UVV Gebrauch gemacht und folgende, abschliessend aufgeführte Körperschädigungen, sofern sie nicht eindeutig auf eine Erkrankung oder eine Degeneration zurückzuführen sind, auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung Unfällen gleichgestellt:
a. Knochenbrüche;
b. Verrenkungen;
c. Meniskusrisse;
d. Muskelrisse;
e. Muskelzerrungen;
f. Sehnenrisse;
g. Bandläsionen;
h. Trommelfellverletzungen.

3.       Die Beschwerdegegnerin legte im Einspracheentscheid dar, es fehle dem gemeldeten Vorfall vom 30. September 2001 an einem sinnfälligen, äusseren Ereignis mit entsprechender Einwirkung auf den Körper. Vielmehr handle es sich hier um ein Geschehen im Körperinnern im Sinne eines pathologischen Prozesses und nicht um einen ausserhalb des Körpers liegenden, objektiv feststellbaren und sinnfälligen Vorfall, welcher unfallähnlichen Charakter aufweise (Urk. 2, 10).
         Die Beschwerdeführerin wendete demgegenüber ein, die anlässlich des Vorfalls vorgenommene Bewegung der Versicherten stelle eben ein solches sinnfälliges, äusseres Ereignis dar. Mit Ausnahme der Ungewöhnlichkeit seien alle Kriterien des Unfallbegriffs erfüllt, weshalb hier geradezu ein klassischer Fall eines unfallähnlichen Vorfalls vorliege, auch wenn die Einwirkung eigentlich alltäglich und diskret gewesen sei (Urk. 1).

4.
4.1.    Die einzelnen Umstände des Unfallgeschehens sind nach der Rechtsprechung von der den Anspruch erhebenden Person glaubhaft zu machen. Kommt sie dieser Forderung nicht nach, indem sie unvollständige, ungenaue oder widersprüchliche Angaben macht, die das Bestehen eines unfallmässigen Schadens als unglaubwürdig erscheinen lassen, besteht keine Leistungspflicht der Unfallversicherung. Im Streitfall obliegt es dem Gericht, zu beurteilen, ob die einzelnen Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind. Der Untersuchungsmaxime entsprechend hat es von Amtes wegen die notwendigen Beweise zu erheben und kann zu diesem Zwecke auch die Parteien heranziehen. Wird aufgrund dieser Massnahmen das Vorliegen eines Unfallereignisses nicht wenigstens mit Wahrscheinlichkeit erstellt - die blosse Möglichkeit genügt nicht -, so hat dieses als unbewiesen zu gelten, was sich zu Lasten der den Anspruch erhebenden Person auswirkt (BGE 116 V 140 Erw. 4b, 114 V 305 Erw. 5b, 111 V 201 Erw. 6b; RKUV 1990 Nr. U 86 S. 50).

4.2     In der Unfallmeldung vom 8. Oktober 2001 hielt die Arbeitgeberin fest, die Versicherte habe sich mit dem Finger den Socken vom Fuss abgestreift und sich dabei verletzt (Urk. 11/1). Gemäss der Schilderung von Dr. A.___ habe die Versicherte die Socken ausgezogen und in der Folge Schmerzen und ein Extensionsdefizit des linken Fingers bemerkt, weshalb sie sich drei Tage später in ärztliche Behandlung begeben habe (Urk. 11/4). Auf die schriftliche Aufforderung der SUVA hin, das Ereignis näher zu schildern, erklärte die Versicherte am 16. Januar 2002, sie habe mit dem linken Zeigefinger den Socken vom rechten Fuss gestreift, wobei die Sehne gerissen sei (Urk. 11/3).
         Der Ablauf des Vorfalls wurde seitens der SUVA nicht angezweifelt und erscheint aufgrund der Schilderungen als klar und wahrscheinlich.
4.3     Es steht ausser Frage und ist nicht bestritten, dass es sich beim erwähnten Vorfall vom 30. September 2001 mangels Ungewöhnlichkeit nicht um einen Unfall im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVV gehandelt hat. Strittig ist demnach einzig, ob eine Leistungspflicht aufgrund von Art. 9 Abs. 2 UVV, mithin aufgrund des Vorliegens einer unfallähnlichen Körperschädigung gegeben ist.
4.4     Gemäss Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG) setzt die Leistungspflicht des Unfallversicherers gestützt auf Art. 9 Abs. 2 UVV zum einen voraus, dass eine tatbestandsmässige Gesundheitsschädigung vorliegt. Im Weiteren müssen sämtliche Begriffsmerkmale eines Unfalles (Art. 9 Abs. 1 UVV) mit Ausnahme der Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors erfüllt sein und das schädigende Geschehen muss für die tatbestandsmässige Gesundheitsschädigung eine Teilursache bilden. Ein degenerativer oder pathologischer Vorzustand schliesst daher eine unfallähnliche Körperschädigung nicht aus, sofern ein unfallähnliches Ereignis den vorbestehenden Gesundheitsschaden verschlimmert oder manifest werden lässt. Es genügt, wenn eine schädigende, äussere Einwirkung wenigstens im Sinne eines Auslösungsfaktors zu den vor- oder überwiegend krankhaften oder degenerativen Ursachen hinzutritt (BGE 123 V 43 mit Hinweisen). Diese Rechtsprechung gilt auch unter der Herrschaft der seit 1. Januar 1998 in Kraft stehenden, vorliegend anwendbaren Fassung von Art. 9 Abs. 2 UVV (Urteile des EVG in Sachen R. vom 27. Juni 2001, U 92/00, und in Sachen E. vom 5. Juni 2001, U 398/00, dieses teilweise publiziert in RKUV 2001 Nr. U 435 S. 332 ff.).
4.5     Als äusseres Ereignis, das heisst als ein ausserhalb des Körpers liegender, objektiv feststellbarer, sinnfälliger Vorfall kommen rechtsprechungsgemäss Bewegungen wie etwa das Aufstehen aus der Hocke, eine Schleuderbewegung beim Fussball und andere unkoordinierte Kniebewegungen in Frage (Urteil des EVG in Sachen S. vom 27. Juni 2001, U 158/00, mit Hinweisen, unter anderem auf Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 3. Aufl., Bern 1994, S. 810 f.). Gemäss BGE 114 V 298 ff. Erw. 3c kann der Auslösungsfaktor alltäglich und diskret sein; wesentlich ist, dass ein plötzliches Ereignis, beispielsweise eine heftige Bewegung oder das plötzliche Aufstehen aus der Hocke, einen der im Gesetz genannten Verletzungszustände hervorruft (zum Ganzen: Urteil des EVG in Sachen W. vom 21. September 2001, U 266/00, mit Hinweisen). An die Sinnfälligkeit des äusseren Geschehens sind daher keine hohen Anforderungen zu stellen.
Entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters der SUVA liegt auch beim Abstreifen einer Socke ein äusseres Ereignis vor, musste doch die Versicherte eine entsprechende Kraft aufwenden, um den Widerstand der Socke, welcher von aussen gegen den Finger wirkte, zu überwinden. Aufgrund der Schilderung der Versicherten lässt sich der Vorgang zudem anschaulich nachvollziehen, so dass hier von einem sinnfälligen Ereignis gesprochen werden kann.
4.6     Offensichtlich vermochte die Sehne der auf sie einwirkenden Kraft nicht standzuhalten und riss, als die Belastung zu gross geworden war. Auch wenn die Belastung auf die Sehne bis zum Riss stetig anstieg, handelt es sich hierbei um ein plötzliches Ereignis, da es sich auf einen einmaligen Vorgang zurückführen lässt, welcher sich innerhalb relativ kurzer Zeit ereignet hat.
         Aufgrund der Aktenlage muss vorliegend mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass das Abstreifen der Socke mit dem linken Zeigefinger zum Riss der Sehne geführt hat. So bemerkte die Versicherte sogleich entsprechende Schmerzen und ein Extensionsdefizit am betroffenen Finger und begab sich darauf in ärztliche Behandlung (Urk. 4). Der natürliche Kausalzusammenhang, zu dem Dr. A.___ ausführte, das geschilderte Trauma passe zur Diagnose (Urk. 11/4), wird von der Beschwerdegegnerin denn auch nicht bestritten, ebenso wenig die Tatsache, dass der diagnostizierte Strecksehnenriss eine Listenverletzung im Sinne von Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV darstellt (vgl. Urk. 2, 10).
         Es steht somit fest, dass die Versicherte am 30. September 2001 eine unfallähnliche Körperschädigung erlitten hat, weshalb die Beschwerde gutzuheissen ist.


Das Gericht erkennt:
1.         In Gutheissung der Beschwerde wird der Einspracheentscheid der SUVA vom 7. Mai 2002 mit der Feststellung aufgehoben, dass A.___ am 30. September 2001   eine unfallähnliche Körperschädigung erlitten hat und die SUVA dafür die gesetzlichen Leistungen zu erbringen hat.
           Die Sache wird an die SUVA zurückgewiesen, damit sie in sachlicher, zeitlicher und masslicher Hinsicht über die in Betracht fallenden Leistungsansprüche befinde.
2.         Das Verfahren ist kostenlos.
3.         Zustellung gegen Empfangsschein an:
- Visana
- Rechtsanwalt Dr. Stefan Mattmann
- Bundesamt für Sozialversicherung
- A.___, ___, 8107 Buchs ZH
4.         Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim Eidgenössischen Versicherungsgericht Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereicht werden.
Die Beschwerdeschrift ist dem Eidgenössischen Versicherungsgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, in dreifacher Ausfertigung zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift der beschwerdeführenden Person oder ihres Vertreters zu enthalten; die Ausfertigung des angefochtenen Entscheides und der dazugehörige Briefumschlag sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die beschwerdeführende Person sie in Händen hat (Art. 132 in Verbindung mit Art. 106 und 108 OG).