Zürich Sozialversicherungsgericht

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Entscheide



UV.2004.00162

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Engler, Vorsitzender

Sozialversicherungsrichter Hurst

Ersatzrichterin Arnold Gramigna

Gerichtssekretärin Randacher
Urteil vom 21. Juni 2005
in Sachen
B.___
 
Beschwerdeführer

vertreten durch Rechtsanwalt Raphael Mullis
Bahnhofstrasse 6, Postfach, 8302 Kloten

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA)
Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358, 6002 Luzern
Beschwerdegegnerin

vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Beat Frischkopf
Bahnhofstrasse 24, Postfach, 6210 Sursee




Sachverhalt:
1.       B.___, geboren 1949, arbeitete als Hilfsmetzger bei der Metzgerei A.___ AG und war in dieser Eigenschaft bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Am 28. November 1988 stürzte er an seinem Arbeitsplatz die Treppe hinunter und zog sich eine Verstauchung der rechten Schulter zu (Urk. 8/1). Der behandelnde Arzt, Dr. med. C.___, schrieb ihn in der Folge für circa 2 Wochen zu 100 % arbeitsunfähig (Urk. 8/2). Seit dem 1. April 1996 arbeitet B.___ als Taxichauffeur (Urk. 8/6). Am 25. Juni 1996 begab er sich wegen rezidivierenden Luxationen der rechter Schulter erneut in ärztliche Behandlung bei Dr. med. D.___, FMH Orthopädische Chirurgie, (Urk. 8/4) und wurde am 22. Januar 1997 im Krankenhaus E.___ operiert (Urk. 8/11). Im April 1999 meldete Dr. D.___ einen weiteren Rückfall mit vermehrten Schulterschmerzen ohne neuen Unfall (Urk. 8/28). Seit dem 10. Januar 2003 bezog der Versicherte ein Taggeld der Unfallversicherung (vgl. Urk. 2 S. 2), nachdem ihn Dr. med. F.___, Orthopädische Chirurgie FMH, ab diesem Datum zu 50 % arbeitsunfähig geschrieben hatte (Urk. 8/48). Am 13. Februar 2004 wurde B.___ von Dr. med. G.___, Facharzt für Chirurgie FMH, kreisärztlich untersucht (Urk. 8/50). Mit Verfügung vom 16. Februar 2004 (Urk. 8/52) teilte ihm die SUVA mit, ab dem 16. Februar 2004 könne ihm in seiner Tätigkeit als Taxichauffeur wieder eine volle Arbeitsfähigkeit zugemutet werden. Für die verbliebene Beeinträchtigung aus dem Unfall vom 28. November 1988 werde ihm eine Integritätsentschädigung basierend auf einer Integritätseinbusse von 10 % ausgerichtet. Gegen diese Verfügung erhob B.___ am 1. März 2004 Einsprache und beantragte, ihm sei weiterhin eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit zuzusprechen und die entsprechende Rente auszurichten (Urk. 8/53). Mit Entscheid vom 23. März 2004 (Urk. 2) wies die SUVA die Einsprache mit der Begründung ab, dem Versicherten sei eine volle Arbeitsfähigkeit zumutbar.

2.
2.1     Gegen diesen Einspracheentscheid liess B.___ durch Rechtsanwalt Raphael Mullis am 23. Juni 2004 Beschwerde erheben mit folgenden Anträgen (Urk. 1 S. 2):
             "1.   Der am 23.03.2004 getroffene Einspracheentscheid und die Verfügung vom 16.02.2004 seien vollumfänglich aufzuheben.
               2.   Dem Beschwerdeführer sei ein neues Zumutbarkeitsprofil über seine Arbeitsfähigkeit auszustellen und ihm eine Invalidenrente gemäss Art. 18 UVG auszubezahlen. Eventuell sei die Auszahlung von Taggeld gemäss Art. 16 UVG fortzusetzen.
               3.   Herr Dr. S.____ sei zur Beurteilung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers beizuziehen.
               4.   Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin."
2.2 Nachdem die SUVA in ihrer Beschwerdeantwort vom 23. August 2004 (Urk. 7) um Abweisung der Beschwerde ersucht hatte, wurde der Schriftenwechsel mit Gerichtsverfügung vom 25. August 2004 (Urk. 10) als geschlossen erklärt.
         Auf die Vorbringen der Parteien sowie die eingereichten Akten wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen näher eingegangen.


Das Gericht zieht in Erwägung:
1.       Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf Leistungen der Unfallversicherung in Form eines Taggeldes oder einer Invalidenrente. Nicht Gegenstand des Einspracheentscheides  - da nicht beanstandet - ist hingegen die Höhe der verfügten Integritätsentschädigung.

2.
2.1     Nach Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung ihrer Unfallfolgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG), so steht ihr gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Unfalles zu mindestens 10 Prozent invalid (Art. 8 ATSG), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind. Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG).
2.2     Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 Erw. 3a, 122 V 160 Erw. 1c).

3.
3.1     Zur Begründung seiner Beschwerde vom 23. Juni 2004 (Urk. 1) lässt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vorbringen, es sei unverständlich, weshalb er bereits zu 100 % arbeitsfähig sein sollte, wenn er nicht einmal in der Lage sei, länger als 4 Stunden zu arbeiten, ohne dabei ernorme Schmerzen im Schulter- und Rückenbereich zu verspüren. Ebenso wenig sei nachvollziehbar, dass die Diagnose von Dr. G.___ so stark von der Beurteilung des Arztes Dr. F.___ abweiche. Es könne nicht angehen, dass ein Orthopäde während eines Jahres eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit diagnostiziere, während ein anderer Arzt der Ansicht sei, er könne bereits zu 100 % arbeiten. Er habe vor einigen Jahren aufgrund seines Krankheitszustandes seine ursprüngliche Metzgertätigkeit aufgegeben und sich zum Taxi-Chauffeur umschulen lassen. Erst nachdem er an seine körperlichen und psychischen Grenzen gestossen sei, habe er anfangs März 2003 Dr. F.___ aufgesucht, welcher ihn ab dem 10. Januar 2003 zu 50 % arbeitsunfähig geschrieben habe. Es sei im offensichtlich unmöglich, volltätig als Taxi-Chauffeur zu arbeiten (Urk. 1).
3.2 Dagegen macht die Beschwerdegegnerin geltend (Urk. 2 und 7), aufgrund der kreisärztlichen Untersuchung bei sehr diskreten Befunden und sehr kräftigem Probanden sei die reduzierte Arbeitsfähigkeit zeitlich nicht nachvollziehbar. Ihm sei als Taxi-Chauffeur eine volle Arbeitsfähigkeit zumutbar. Der Beschwerdeführer mache geltend, dass er beim Drehen des Lenkrades sowie beim Heben und Tragen von Lasten eingeschränkt sei. In der Annahme, dass heute jedes Taxi-Fahrzeug über eine Servolenkung verfüge und somit kein grosser Arbeitsaufwand für das Drehen des Lenkrades erforderlich sei, und andererseits der Kreisarzt die Gewichtslimite auf 10 bis 15 kg bis Hüfhöhe bzw. 5 kg im vollen Bewegungsumfang limitiert habe, seien diese Einwände nicht stichhaltig. Weitere medizinische Abklärungen seien nicht notwendig.

4.
4.1     Seit dem Unfall vom 28. November 1988 mit traumatischer Schulterluxation rechts kam es beim Beschwerdeführer zu mehreren Distorsionstraumen mit rezidivierenden Schultersubluxationen. Im Jahre 1997 erfolgte eine operative Revision und Stabilisierungsoperation mit anschliessend günstigem Verlauf (vgl. Urk. 8/33). In seinem ärztlichen Zwischenbericht an die Beschwerdegegnerin vom 24. November 1999 (Urk. 8/33) attestierte Dr. D.___ dem Beschwerdeführer eine volle Arbeitsfähigkeit. Auch Dr. F.___ ging in seinem Bericht vom 10. Mai 2001 davon aus, dass keine Arbeitsunfähigkeit bestehe, obwohl er klinisch eine nahezu permanente ventrale Subluxation des Humeruskopfes mit Schmerzen bei Widerstandsleistung und eine eingeschränkte Aussenrotation und Elevationsbewegung feststellte (Urk. 8/38). Auch in seinem Bericht vom 17. August 2002 verneinte er eine Arbeitsunfähigkeit (Urk. 8/40). Im ärztlichen Zwischenbericht vom 2. Dezember 2003 (Urk. 8/48) ging Dr. F.___ dann von einer Wiederaufnahme der Arbeit zu 50 % ab dem 10. Januar 2003 aus und indizierte eine kreisärztliche Untersuchung, insbesonders in Bezug auf die Frage der Berentung.
4.2     Dr. G.___ untersuchte den Beschwerdeführer am 13. Februar 2004 kreisärztlich (Urk. 8/50). In Auseinandersetzung mit den relevanten Vorakten und den Vorbringen des Beschwerdeführers stellte er eine mässige Belastungsintoleranz, vor allem ab Hüfhöhe, respektive Schultergelenkshöhe im oberen Bewegungsbereich mit leichter Bewegungseinschränkung fest. Nachgewiesen seien im MR eine abgerissene vordere Kapsel, Veränderung des vorderen Labrums sowie Knorpelschädigung am Glenoid und Subscapularisoberrandläsion, klinisch mit Bild einer mässigen PHS rechts. Im Rahmen der Abklärungen seien eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit seit dem 10. Januar 2003 bestätigt worden. Aufgrund der heutigen kreisärztlichen Untersuchung bei sehr diskreten Befunden und sehr kräftigem Probanden sei die reduzierte Arbeitsfähigkeit zeitlich nicht nachvollziehbar. Im Rahmen der mässigen Behinderung in der wechselbelastenden idealen Tätigkeit und möglichen Erholungsphasen sei eine vollzeitliche Arbeitsfähigkeit gegeben. Dem Beschwerdeführer seien leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten für die rechte Schulter zumutbar. Es bestehe ein uneingeschränkter Bewegungsumfang bis Schulterhöhe, im oberen Bewegungssegment seien vereinzelte Tätigkeiten durchführbar. Im Rahmen der Einschätzung gemäss Zumutbarkeitsprofil sei die Tätigkeit als Taxi-Chauffeur als günstig anzunehmen. Andernfalls könne eine ähnliche stationäre Tätigkeit mit Arbeitsleistung auf tischhoher Oberfläche angenommen werden. Es sei ein vollzeitlicher, vollschichtiger Einsatz zumutbar, dies unabhängig von Alter, Sprache, Ausbildung, Konstitution und Arbeitsmarkt.

5.       Die von Dr. G.___ am 13. Februar 2004 erfolgte Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ist sowohl begründet wie auch nachvollziehbar. Der Arzt zeigt in Kenntnis der Krankengeschichte sowie der vorliegenden Diagnosen klar und eindeutig auf, dass dem Beschwerdeführer in einer leichten bis mittelschweren, wechselbelastenden Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit zumutbar ist. Der Arzt erachtet denn auch die Arbeit als Taxi-Chauffeur aufgrund der körperlichen Anforderungen als günstig. Nicht von Bedeutung ist dabei, ob der Beschwerdeführer bis anhin seine mögliche und zumutbare Arbeitskapazität auch in diesem Umfange verwertet hat. Ebenso wenig vermögen die weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers am Ergebnis etwas zu verändern. So erscheint es keineswegs als unglaubwürdig, dass zum Zeitpunkt der Begutachtung im Februar 2004 eine volle Arbeitsfähigkeit gegeben war, obwohl der Beschwerdeführer von Dr. F.___ ab dem 10. Januar 2003 zu 50 % arbeitsunfähig geschrieben worden war (vgl. Urk. 8/48). Vielmehr befürwortete Dr. F.___ selber eine kreisärztliche Untersuchung (Urk. 8/48). Dr. D.___ ging nach dem Unfall jeweils von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit als Taxi-Chauffeur aus (Urk. 8/23 und 8/25), und der erstbehandelnde Arzt Dr. C.___ stellte lediglich eine volle Arbeitsunfähigkeit als Hilfsmetzger von circa 2 Wochen in Aussicht (Urk. 8/2). Dass die Beschwerdegegnerin nunmehr den Ausführungen von Dr. G.___ gefolgt ist, ist daher nicht zu beanstanden, und sowohl die Verfügung vom 16. Februar 2004 (Urk. 8/52) wie auch der in der Folge ergangene Einspracheentscheid vom 23. März 2004 (Urk. 8/56) erweisen sich in Bezug auf die Taggeldleistungen wie auch die Rentenfrage als rechtens. Aufgrund der überzeugenden und mit den Akten übereinstimmenden Ausführungen von Dr. G.___ erübrigen sich auch weitere Abklärungen in medizinischer Hinsicht. Der Beschwerdeführer ist ab dem 16. Februar 2004 in seinem Beruf als Taxi-Chauffeur wie auch in einer anderen leichten bis mittelschweren Tätigkeit wieder voll arbeitsfähig, weshalb die Beschwerde vom 23. Juni 2004 abzuweisen ist.


Das Gericht erkennt:
1.         Die Beschwerde wird abgewiesen.
2.         Das Verfahren ist kostenlos.
3. Zustellung gegen Empfangsschein an:
- Rechtsanwalt Raphael Mullis
- Rechtsanwalt Dr. Beat Frischkopf
- Bundesamt für Gesundheit
4.         Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim Eidgenössischen Versicherungsgericht Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereicht werden.
Die Beschwerdeschrift ist dem Eidgenössischen Versicherungsgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, in dreifacher Ausfertigung zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift der beschwerdeführenden Person oder ihres Vertreters zu enthalten; die Ausfertigung des angefochtenen Entscheides und der dazugehörige Briefumschlag sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die beschwerdeführende Person sie in Händen hat (Art. 132 in Verbindung mit Art. 106 und 108 OG).